Wie übersteht eine Seglerfamilie die Corona-Krise?

sailing totem

Erzählen Sie mir ein wenig über Ihre Geschichte und Ihre aktuelle Crew

Unsere Familie mit drei Kindern segelt schon seit über zehn Jahren über die Weltmeere; zu dem Zeitpunkt, an dem wir an Bord gingen, waren sie 4, 6 und 9 Jahre alt. Unser Ältester studiert inzwischen an einer Universität und unsere Mädels an Bord feiern bald ihren 16. und 18. Geburtstag.

Was machen Sie momentan? Bleiben Sie mit Ihrem Boot an Ort und Stelle? Oder segeln Sie? 

In Mexiko haben wir unsere Basis und segeln seit ein paar Jahren schon über den Pazifik. Wir gehen es gerade so an, dass wir mit unserem Boot an Ort und Stelle verweilen. Das geht schon ein paar Wochen so! Wir sind ein bisschen gesegelt, aber nicht wirklich zum Spaß – eher, um uns einem sichereren Ort für die bevorstehende Hurrikansaison anzunähern. Wir glauben, dass wir uns auch in den kommenden Monaten so gut es geht selbst isolieren müssen.

Glücklicherweise ist die See von Cortez – auch als Golf von Kalifornien bekannt, die Gewässer zwischen der Baja-Halbinsel und dem Festland von Mexiko – eine atemberaubende, relativ unbewohnte, abgelegene Ecke. Es ist der nahezu perfekte Ort, um sich vor einem Hurrikan in Sicherheit zu begeben und gleichzeitig Selbstisolation zu betreiben.

Dachten Sie jemals, dass so etwas einmal passieren wird? Sind Sie logistisch auf solche Umstände vorbereitet? (Ich würde ja glauben, dass zehn Jahre auf See Sie für eine derartige Situation ausgebildet hätten)

Wir hätten im Traum nicht daran gedacht, dass wir uns in einem solchen Szenario wiederfinden würden. Dabei haben wir uns schon so einige Sicherheitsszenarios auf hoher See ausgemalt! Es herrscht gerade eine absolut beispiellose Zeit für die Menschheit. Aber logistisch gesehen SIND wir sogar sehr gut vorbereitet. Es gab einige Anlässe, für die wir unser Boot mit Grundnahrungsmitteln für einige Monate aufstocken mussten. Diese schließen auch die meisten unserer Ozeanüberquerungen ein; manchmal sahen wir uns Monaten gegenüber, in denen die Möglichkeiten, unsere Vorräte an Bord aufzustocken, begrenzt waren. In manchen Fällen gab es dazu überhaupt keine Gelegenheit.

Wir essen gut und gerne, also ist es extrem wichtig, einen Weg zu finden dies zu tun, ohne ein paar 20kg-Säcke mit Reis und Linsen zu kaufen. Das Ergebnis war, dass ich inzwischen ein Spezialist in der Lebensmittelkonservierung geworden bin. Unser gestriges Abendessen mag vielleicht simpel gewesen sein, aber Kapern (Pantry-Pizzaz!) und Artischockenherzen (Überleben quasi für immer im Regal) wurden hervorragend durch die Hinzugabe von konservierter Zitrone (ein 1-Liter-Glas dieser sonnigen Säure hält uns Monate) aufpoliert. Und dann haben wir schließlich noch unser Geheimversteck mit dunkler Schokolade und dem Gin. Man muss schließlich Prioritäten setzen!

Wie lautet Ihr Vorratsplan? Was sind momentan Ihre unentbehrlichsten Leckereien?

Unser Lebensmittel-Vorratsplan ist ziemlich einfach. Er funktioniert für jeden, egal, ob man für ein zu Hause an Land oder auf See einkaufen muss. Ich mache Mahlzeit-Listen: Die grob ein Dutzend Dinge, die jeder von uns gerne zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen mag … und eine Snackliste. DANN mache ich diese Liste noch einmal, bezogen auf “Vorrats-Mahlzeiten”. Das sind Mahlzeiten, aus Dingen, die lange gelagert werden können, vs. verderbliche Lebensmittel. DANN schreibe ich die Zutaten auf – multipliziere sie mal X, basierend auf der Portionsanzahl oder Anzahl der Mahlzeiten, oder was auch immer für Sie am einfachsten ist. Es ist durchaus möglich eine Tabellenkalkulation zu erstellen, die höchst spezifisch in Bezug auf die benötigten Mengen ist, aber dennoch nicht unbedingt hilfreich ist, genaue Schätzungen der Gesamtmenge zu erhalten.

Was die Vorratshaltung von Nichtlebensmitteln (Reinigungsprodukte zum Beispiel) betrifft, überlege ich Folgendes: Wie viel verbrauchen wir in einer Woche? Oder im Monat, wenn das leichter zu schätzen ist; es ist wirklich gut, immer genug Waschmittel oder Schwämme, oder das nun so berüchtigte Toilettenpapier auf Vorrat zu haben.

Tatsächlich essen wir nicht wirklich Comfort-Food… Wir essen ziemlich genau so viel, wie wir es normalerweise tun würden, mit dem Hauptunterschied, dass wir verderbliche Lebensmittel priorisieren, sodass wir eine Verschwendung von Lebensmitteln, die verdorben sind, vermeiden können. Aber ich bin mir unseres Sprichworts noch bewusster als sonst, dass eine gut genährte Crew eine glückliche Crew ist. Ich mache öfter mal das Frühstück (wir suchen oft einzeln nach Futter), wir versammeln uns bewusster auch abgesehen vom Abendessen für Mahlzeiten. Sowas gibt uns Behaglichkeit in Zeiten wie diesen.

Welche Optionen haben Sie in naher Zukunft?

Nicht allzu viele, aber die, die wir haben, sind gut. Wir befinden uns in einem Land, das es uns erlaubt, sich zwischen Häfen zu bewegen. Also ziehen wir in Richtung der nördlichen Breitengrade Mexikos, die während der Hurrikansaison sicherer sind.

Wie beschäftigen Sie sich während der Ruhephasen (da Sie ja wahrscheinlich nicht allzu viel segeln)?

Wir segeln wahrscheinlich gar nicht so viel, wie Sie denken! Ich glaube, das ist ein weit verbreitetes Missverständnis über unser Leben. Wir verbringen etwa 5 % unserer Zeit mit Überfahrten – also wirklich nicht übermäßig viel. Wir fahren Tagestörns zwischen Häfen und Ankerplätzen, aber dennoch segeln wir nicht wahnsinnig viel, verglichen mit der öffentlichen Wahrnehmung über das Leben auf See. Natürlich ist das schon möglich (wie bei Weltumsegelungen, die von Hafen zu Hafen Wettsegeln), aber nicht typisch.

Wir halten uns mit den verschiedensten Projekten an Bord, Lesen, Karten- und Gesellschaftsspielen beschäftigt. Jamie und ich sind so beschäftigt wie noch nie mit dem Coachen unserer Kunden; wir helfen vielen Leuten gratis, weil sie es eben jetzt brauchen. Sie befinden sich an Orten, die in der Hurrikansaison nicht sicher sind; 

Haben Sie einen guten Rat für Nicht-Segler, die noch nie dazu gezwungen waren, sich auf kleinstem Raum in Quarantäne zu begeben? 

Als wir frisch an Bord gekommen waren, bedurfte es einigen Anpassungen, einen solch kleinen Raum 24/7 zu teilen, besonders mit drei emsigen Kleinkindern. Wahrscheinlich hat es uns geholfen, dass wir zuvor viele Wochenenden und Urlaube auf unserem Vorgänger-Boot, das noch kleiner als die Totem war, verbracht hatten. Wir legten uns allen jeden Nachmittag eine „Ruhezeit” auf; das musste für die kleinen nicht immer ein Nickerchen bedeuten, aber sie mussten sich ruhig mit sich selbst in ihren Kabinen beschäftigen. Als Teenager fanden sie dann eine neu gewonnene Wertschätzung für Privatsphäre!

Auch eine routinemäßige Bindung zueinander hilft. Es war für unsere Familie schon immer sehr wichtig, gemeinsam zu Abend zu essen und uns von unserem Tag zu erzählen: Inoffizielle Familientreffen, um darüber zu sprechen, was gerade um uns herum passiert; was unsere Pläne sind und wie sie sich ändern; wie jeder mit der Situation umgeht.